Claude, quo vadis?

Anthropics B2B-Strategie ist eine riskante Wette.

Claude, quo vadis?

Nach der gestrigen Veröffentlichung von Claude Sonnet 3.7 war ich zunächst beeindruckt, dass Anthropic es trotz anfänglich großer Skepsis aus der AI-Bubble wohl doch geschafft hat, ein deutlich leistungsfähigeres Modell zu trainieren. Ethan Mollick war beispielsweise in der Lage, innerhalb von Claudes nativer Programmieroberfläche mit einfachen Prompts komplexe 3D-Modelle zu erstellen. Und auch die offizielle Demo von Claude Code, einem neuen „Agentic Coding Tool“, das direkt im Terminal auf die Codebase zugreifen kann, ist nicht von schlechten Eltern:

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Claude Code Demo / Quelle: YouTube

Gleichzeitig frage ich mich, ob Anthropic strategisch wirklich auf dem richtigen Weg ist. Denn eins ist klar: Der Endkonsument spielt schon lange keine Rolle mehr. Die Claude-App wurde in der gesamten Ankündigung nicht ein einziges Mal erwähnt. Wenig überraschend, wenn man einen Blick in die App Stores wirft: In ihrem Heimatmarkt, den USA, ist die App im Play Store aktuell auf Platz 137 der Top-Charts gelistet. Im App Store befindet sie sich jenseits der Top 200 und wird nicht einmal mehr angezeigt. Das liegt zum einen daran, dass selbst zahlende Nutzer nicht beliebig viele Nachrichten schreiben können. Zum anderen ist der Funktionsumfang und die User Experience im Vergleich zu ChatGPT oder Grok mittlerweile merklich schlechter.

Mike Krieger, Anthropics Chief Product Officer und Mitgründer von Instagram und Artifact, hat bereits im September 2024 im Decoder-Podcast angedeutet, dass ein B2C-Geschäft zwar erfolgreich sein kann, native Apps jedoch zu abhängig von den Plattformbetreibern sind:

Are there consumer-scalable $7 billion worth of consumer products that don’t rely on being built into your phone? I mean in AI specifically, AI products that can capture that much market without being built into the operating system on a phone.

Mike Krieger
: I have to believe yes. I mean, I open up the App Store and ChatGPT is regularly second. I don’t know what their numbers look like in terms of that business, but I think it’s pretty healthy right now. But long term, I optimistically believe yes. Let’s conflate mobile and consumer for a second, which is not a super fair conflation, but I’m going to go with it. So much of our lives still happens there that whether it’s within LLMs plus recommendations, or LLMs plus shopping, or LLMs plus dating, I have to believe that at least a heavy AI component can be in a $7 billion-plus business, but not one where you are trying to effectively be Siri plus plus. I think that’s a hard place to be.

Bedenkt man seine Erfahrung mit erfolgreichen mobilen Apps und seine Zeit innerhalb des Facebook-Konzerns, ist das nicht verwunderlich. Die Abhängigkeit von Apple ist dort bis heute allgegenwärtig. Solange Anthropic die Führung beim „Agentic Coding“ behält und weiterhin von vielen auch wegen seines Charakters geschätzt wird, kann die API-Strategie erfolgreich sein. Aber was passiert, wenn die Konkurrenz nicht nur mit Claude gleichzieht, sondern es überholt? Grok 3 hält derzeit mit weniger als zwei Jahren Trainingszeit den Titel für das am schnellsten skalierte Reasoning-Modell und Elon Musk wird alles daran setzen, um diese Geschwindigkeit beizubehalten. Außerdem ist anzunehmen, dass ChatGPT o3 bereits mindestens on par mit Claude Sonnet 3.7 wäre, wenn OpenAI es als eigenständiges Modell veröffentlichen würde (Erzähler: Werden sie nicht). Dann könnte Anthropic schnell in Schwierigkeiten geraten, denn im Gegensatz zu einer bekannten Marke oder einem Produkt, das fest im Alltag von Millionen Nutzern integriert ist, kann man eine API jederzeit austauschen. Besonders OpenAI ist dafür besser aufgestellt, als man denkt.

Giancarlo Lionetti, Chief Commercial Officer von OpenAI, erklärte im November letzten Jahres gegenüber The Information, dass sich das Unternehmen in den vergangenen Monaten verstärkt auf sein B2B-Geschäft konzentriert. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte OpenAI fast 300 Vertriebsmitarbeiter, was etwa 20% der gesamten Belegschaft entsprach. Damit ist OpenAIs Vertrieb heute vermutlich beinahe so groß wie der von etablierten SaaS-Unternehmen wie Salesforce, HubSpot oder Atlassian.

Es bleibt abzuwarten, wo sich die AI-Agenten nachhaltig durchsetzen werden und wie weit die Trainingsfortschritte in diesem Jahr noch gehen. Anthropic setzt gegenwärtig jedenfalls alles auf eine Karte.